NEUBRITZ - HOME

SANIERUNGSGEBIET
WEDERSTRASSE     
       

PROJEKTE                   

AKTEURE UND         
ANSPRECHPARTNER 

A R C H I V                
SANIERUNGSZEITUNG 
leben in Neubritz 6     
Aus dem Rathaus        
Wohin mit dem Gewerbemüll
GEWERBE-Stammtisch
Orange macht Putz         
Jugendberatungshaus    
Kindertreff Delbrücke      
Kulturbunker                   
Ohne Lehm nichts los     
Rahmenplan des Gebiets
Rückblick - Neuköllner    
    Stadterneuerungstage   

Neubritzer nehmen Stellung
Interessenten  gesucht   
Der letzte Bauernhof      
» platz nehmen «           
Kultur um'me Ecke         
Aktuelles / Adressen      
BROSCHÜREN            
P R E S S E                   
INFO-MAPPE              

AKTUELLES / SUCHE

KONTAKT                  
IMPRESSUM            


  Neukölln       
          
Fachleute diskutieren

Vielleicht erinnern Sie sich noch: Im vergangenen November fanden im Jugendberatungshaus Neubritz die Neuköllner Stadterneuerungstage statt. Wesentlicher Bestandteil war die Ausstellung "Halbzeit – Bilanz und Perspektiven der Neuköllner Sanierungsgebiete", die darstellte,
was in den beiden Sanierungsgebieten Neuköllns (Wederstraße und Kottbusser Damm Ost) in den vergangenen sieben Jahren erreicht wurde, welche umfangreichen Aufgaben aber auch in Zukunft noch zu bewältigen sind. Diese Zwischenbilanz wurde begleitet von einer zweitägigen Veranstaltung, auf der sich Fachleute aus dem Gebiet der Stadterneuerung, aber auch prominente politische Vertreter wie Stadtentwicklungssenator Strieder, die Neuköllner Baustadträtin und stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Vogelsang oder die Berliner Bundestagsabgeordnete Eichstädt-Bohlig in Podiumsdiskussionen unter den Titeln "Stadterneuerung ohne Geld" und "Perspektiven für die Stadterneuerung" mit komplexen Fragestellungen zur Zukunft der sozialen Stadterneuerung auseinandersetzten.
Ein Erfolg für die Veranstalter: Über 300 Besucher kamen nach Neubritz, um an den Veranstaltungen teilzunehmen.Die zentrale Frage war, wie kann in Zeiten leerer öffentlicher Kassen in den Berliner Sanierungsgebieten überhaupt noch sinnvoll gearbeitet werden? Müssen nicht alle bestehenden Instrumente in diesem Bereich auf den Prüfstand gestellt werden? Ist die Einrichtung von Quartiersmanagement-Gebieten eine sinnvolle Alternative zu den klassischen Sanierungsgebieten oder müssten sich nicht beide vielmehr ergänzen?1 Ausgangspunkt der Diskussion war die im Vorfeld von Stadtentwicklungssenator Strieder aufgestellte Forderung nach einem Mentalitätswechsel. Seine These war deshalb auch, dass die öffentliche Hand nur noch für den öffentlichen Raum die Verantwortung übernehmen sollte und auf die Förderung des privaten Sektors weitgehend verzichten muss. Auch Baustadträtin Vogelsang war sich grundsätzlich mit ihm einig, dass eine hoch subventionierte Stadterneuerung, wie sie in den achtziger Jahren zum Beispiel in Kreuzberg durchgeführt wurde, nicht mehr zu realisieren ist. In den Neuköllner Sanierungsgebieten spiele die reine Modernisierung und Instandsetzung einzelner Objekte eine untergeordnete Rolle. Bezirkliche Investitionsplanungen sind besonders in Hinblick auf Neubaumaßnahmen zur Makulatur geworden, da die zur Verfügung stehenden Mittel dafür bei weitem nicht ausreichen und gesonderte Förderprogramme nur im Osten Berlins gelten und damit Neukölln fehlen. Mittlerweile steht die Umstrukturierung in den Sanierungsgebieten im Vordergrund. Die baulichen Mängel können
mit den Instrumenten, die dem Quartiersmanagement zur Verfügung stehen, nicht behoben werden und der erforderliche Neubau nicht realisiert werden. Neukölln entwickelt deshalb seit Jahren neue Ideen, wie mit weniger Geld einiges erreicht werden kann.

Mit dem Beispiel der Leipziger Stadterneuerung wurde deutlich, dass auch andere Städte mit ähnlichen Fragestellungen zu kämpfen haben. Der Leipziger Beigeordnete für Stadtentwicklung und Bau, Dr. Lütke-Daldrup, stellte fest, dass zu viele Kontrollinstanzen existieren, die eine schnelle und effiziente Arbeit behindern. Neben dem öffentlichen Geld wird für die Stadterneuerung auch qualifiziertes Personal benötigt, das die komplizierten Instrumente und verschiedenen Fördertöpfe durchschaut und bewegen kann. Für die Probleme Berlins machte er darüber hinaus die zweistufige und damit extrem komplizierte und ineffiziente Verwaltung verantwortlich.
Aus Sicht des Bundes, vertreten durch Frau Eichstädt-Bohlig, ist in Berlin noch immer eine Subventionsmentalität zu spüren, die in Frage gestellt werden muss. Andererseits sei Berlin nicht in der Lage, EU-Fördergelder konstruktiv zu managen. Sie regte einen Erfahrungsaustausch mit anderen deutschen Städten, aber auch anderen Ländern an, denen noch weniger Geld zur Verfügung steht. Ein wichtiges Thema bleibe die Infrastrukturfinanzierung, die auch künftig in einer tragfähigen Form gewährleistet sein muss. Laut Stadtentwicklungssenator Strieder sei allerdings auch Schuld an der Misere, dass die Schulden West-Berlins im sozialen Wohnungsbau aufgrund politischer Vereinbarungen mit wechselnden Bundesregierungen gemacht wurden. Nach der Wiedervereinigung ist es deshalb auch die Aufgabe des Bundes, sich an den Lasten der Teilung zu beteiligen. Es ist aber auch notwendig, bei der Realisierung von Stadterneuerungsaufgaben Instrumente zu finden, die kleinteilige Entwicklungen fördern. Auch aus Bezirkssicht ist das Arbeiten in kleinen Einheiten sinnvoll. Frau Vogelsang setzte für diese Herangehensweise aber die Stärkung der Bezirke voraus, die den Überblick vor Ort haben.
Weitere Diskussionsteilnehmer waren die Sanierungsbeauftragten aus Neukölln und Prenzlauer Berg. Herr Evertz stellte für das Sanierungsgebiet Wederstraße heraus, dass neben den klassischen Vorgehensweisen auch neue Methoden eingesetzt werden müssen. So ist zum Beispiel das Standortmarketing in Neubritz sowie die Investoren- und Eigentümerberatung eine wichtige Dienstleistung zur Steuerung der baulichen Entwicklung.
Prenzlauer Berg wird gerne als Berliner "Trendbezirk" gehandelt. In Wirklichkeit herrscht hier aber in großen Teilen eine andere Realität, wie Herr Winters von der S.T.E.R.N. GmbH ausführte. Die modische Formulierung verkennt, dass hier die Sozialstruktur und das Einkommensniveau unter dem Ost-Berliner Durchschnitt liegen. Davon abgesehen muss bei der Behandlung von Gebieten mehr auf die soziale Situation und soziale Struktur geschaut werden – völlig unabhängig davon, ob Häuser öffentlich gefördert oder privat saniert werden.
Die Sicht privater Grundstückseigentümer vertrat Herr Blümmel vom Verband der Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer "Haus und Grund". Losgelöst von konkreten Beispielen plädierte er für die Vereinfachung der herrschenden Regeln und für mehr Eigenverantwortung. In Deutschland hätte
es sich eingebürgert, die Verantwortung beim Staat abzugeben, der seinerseits eine Herrschaftsform pflege, die Blümmel "herrschendes Betreuen" nannte. Das Verhältnis von freiem Angebot und Nachfrage ist aus dem Gleichgewicht geraten. Darüber hinaus hätten private Investoren kein Vertrauen mehr in die Haltbarkeit von Regelungen, die sich zu schnell und dann teils radikal ändern würden. Der Verlust von Vertrauen sei im Bereich von Investitionen aber der Anfang vom Ende.
Den Abschluss der offiziellen Beiträge bildete am ersten Veranstaltungstag Frau Schümer-Strucksberg von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die speziell die Interessen des Quartiersmanagements vertrat. Das entsprechende Programm "Soziale Stadt" kann öffentliche und private Ressourcen aller Akteure in einem Stadtteil zusammenbringen, in dem die Kommunikation zwischen den öffentlichen Aufgaben und den Trägern der privatwirtschaftlichen Verantwortung sowie bürgerschaftliches Engagement organisiert werde. Bei dem Abbau von Grenzen einzelner Fachverwaltungen hin zu einem ganzheitlichen Verwaltungshandeln gibt es noch erheblichen Handlungsbedarf.
Der zweite Veranstaltungstag stand ganz im Zeichen der intensiven Fachdiskussion über konkrete Probleme und Lösungsansätze in den einzelnen Berliner Bezirken und Stadtquartieren. Mit welchen Instrumenten können auch in Zeiten knapper Kassen die Lebensbedingungen in den benachteiligten Stadtquartieren verbessert werden? Welche Erfahrungen aus der Praxis gibt es dazu schon? Und welche Verantwortung können und müssen die Bewohner in Zukunft selbst für ihren Kiez übernehmen? Das waren die übergreifenden Fragen, auf die insgesamt 16 Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen Antworten gaben und diese mit dem Fachpublikum diskutierten.
Bei allen Unterschieden wurde relativ einhellig herausgearbeitet, dass alle Beteiligten künftig mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen, andererseits aber auch mehr Spielräume benötigen, um das vorhandene Know-how und die vorhandene Kreativität effektiv einsetzen zu können. Die Vernetzung unterschiedlicher Bereiche wird immer notwendiger werden.
Was hat die Veranstaltungsreihe Neubritz gebracht? Neben der wichtigen Bilanz der bisherigen Arbeit im Sanierungsgebiet sowie der Formulierung der ausstehenden Aufgaben wurde ein großer Teil wichtiger Berliner Entscheidungsträger zumindest für zwei Tage nach Neubritz geholt. Das Gebiet und seine Arbeit ist auf diese Weise ins Bewusstsein der Fachöffentlichkeit gerückt – auch als Impulsgeber für neue Entwicklungen im Bereich der Stadterneuerung.

Stephanie Otto

[Die vollständige Dokumentation der Veranstaltungen können
Sie auf unserer Internetseite www.Neubritz.de abrufen.]





1 Das Quartiersmanagement ist eine sozial orientierte Stadtentwicklung mit dem Ziel, zu einer dauerhaften sozialen und wirtschaftlichen Stabilisierung der Gebiete beizutragen. Die ansässigen Bewohner werden aktiviert und ihre Initiativen gefördert. Städtebauliche Sanierungsgebiete zielen demgegenüber in erster Linie auf die Behebung von städtebaulichen Missständen, vorrangig die Verbesserung der Wohn- und Arbeitsverhältnisse. Die rechtlich festgelegten Sanierungsziele sollen innerhalb von 10 – 15 Jahren umgesetzt werden. Die Betroffenen werden über eine gewählte Vertretung am Sanierungsprozess beteiligt. Beide Formen der Stadterneuerung werden finanziell öffentlich gefördert.
 SeitenanfangStand: Juni 2003