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Die Entwicklung und Besiedelung
von Neu-Britz

Das heutige Gebiet zwischen Delbrück- und Jahnstraße war bis 1866 Ödland von geringem Wert. Nördlich davon wuchs bereits eine Schlafstadt für Arbeiter, deren Wohnbedingungen alles andere als
anheimelnd waren.

Der Initiator des Wohnungsbaus auf dem im Norden von Britz gelegenen Areal war der Berliner Buchbindermeister Carl Weder
(Abb. unten, um 1890). Er dachte nicht an die Schaffung weiterer Mietskasernen sondern an erschwinglichen Wohnraum und nannte das Gebiet Neu-Britz.

Er war eines der Gründungsmitglieder des "Bauvereins der Beamten und Handwerkermeister" von 1866, ein Verein, dessen Ziel die Schaffung von billigem Wohnraum war. Der Zulauf war so gewaltig, dass nach kurzer Zeit ein Aufnahmestopp verhängt werden musste.

Weder selbst investierte sein teilweise ererbtes Kapital zwischen 1866 und 1868 in das Nordbritzer Ödland, das er parzellierte und an Bauwillige für geringe Summen abgab. Weder legte auch die Straßen an und gab ihnen die zum größten Teil heute noch gültigen Namen. Er wählte dabei bewusst die Namen von Personen, die mit der bürgerlichen Demokratiebewegung verbunden waren, z. B. den des "Turnvaters" Jahn. Der zuständige Teltower Landrat Prinz Handjery bestimmte zusätzlich die Benennung einer zentralen Straße nach Carl Weder, um dessen Verdienste zu würdigen.


Bebauungsplan Rixdorf-Britz 1875,
mit Revisionen von ca. 1887

Weders Rolle bei der Besiedelung sicherte ihm bei der Bevölkerung einen erheblichen Einfluss, weshalb ihm der Landrat die Position eines Ortsvorstehers von Rixdorf und Britz anbot, die er aber ablehnte. Statt dessen wurde der spätere Oberbürgermeister von Rixdorf, Hermann Boddin, ernannt. Weder war Mitglied in fast allen örtlichen Vereinen und engagierte sich für die Belange der ärmeren Einwohner von Neu-Britz. Anders als der konservative Boddin hatte Weder gewisse revolutionäre Neigungen, sie zeigten sich u. a. in einer Verehrung der Kämpfer der Revolution von 1848.



Da Weder heimlich Mitglied des Fortschrittsvereins war, traf er sich in seinem Haus im Geheimen mit Mitgliedern dieser revolutionären Gruppierung. 1890 wurde solch ein Treffen verraten und von der Gendarmerie aufgelöst. Obwohl gegen Weder keine rechtlichen Schritte unternommen wurden, war er für die bürgerliche Oberschicht erledigt. Zur gesellschaftlichen Ächtung kam der wirtschaftliche Ruin, da ihm die Banken die Hypotheken kündigten. Man ging sogar soweit, die Wederstraße in Werderstraße umzubenennen. Unbekannte Einwohner kratzten immer wieder das " r " von den Straßenschildern, um ihres Wohltäters zu gedenken, die offizielle Rückbenennung erfolgte aber erst am 23.1.1956.

Weder ließ sich nicht unterkriegen, er zog nach Rixdorf und arbeitete wieder als selbständiger Buchbinder. Durch sein Engagement für soziale Vereine erwarb er sich schnell wieder großes gesellschaftliches Ansehen und verdiente sich den Spitznamen "Vater Weder". Besonders die Waisenfürsorge hatte ihm viel zu verdanken. Indem er Wohltätigkeitsveranstaltungen organisierte, beschaffte er erhebliche Summen. Auch in den Heimatvereinen engagierte er sich, er hielt dementsprechend Vorträge zur Geschichte der Orte Rixdorf und Britz.

Sein Neu-Britzer Grundbesitz war billig aufgekauft worden und wurde aufgrund der Nähe zu Berlin ein attraktiver Wohn- und Geschäftsstandort. Es entstanden mehrgeschossige Miethäuser, die der ursprünglichen Konzeption Weders von preiswertem und gesundem Wohnraum nicht immer entsprachen.

Carl Weder verstarb am 23.1.1914 in Rixdorf, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der Böhmischen Brüdergemeinde.

1920 wurde Neu-Britz Teil des neuen Berliner Großbezirks Neukölln. Von da ab ging die eigene Identität des Viertels immer mehr verloren. Erst mit der Rückbenennung der Wederstraße entstand wieder ein engeres Kiezbewusstsein.

Heute ist das alte Neubritz im Zuge des Autobahnausbaus von Tempelhof nach Schönefeld Sanierungsgebiet und wird einem nachhaltigen Wandel unterzogen. Zentraler Bereich ist nun der Carl-Weder-Park, der auf dem Tunneldeckel der Autobahn entstand. An dem Park werden in Zukunft attraktive Wohnungen entstehen und Gewerbebetriebe an der Ausfahrt Buschkrugallee beste Standortbedingungen vorfinden.


Straßenrückbenennung am 23. Januar 1956